Pressegespräch auf zwei bäuerlichen Betrieben
Immissionsschutz contra Tierwohl

Die Gesellschaft muss sich entscheiden: Will sie möglichst viel Tierwohl, möglichst wenig Geruchsbelästigung, keine Beeinträchtigung der Natur und des Klimas und eine Landschaft, die nicht zersiedelt ist? Alle Schutzgüter zusammen lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen. Das zeigt die leidvolle Erfahrung von Landwirten zeigt, die innerorts ein bestehendes Stallgebäude zum Tierwohl-Stall ausbauen oder außerorts einen neuen Tierwohl-Stall bauen möchten.

In einem Pressegespräch auf zwei bäuerlichen Betrieben in Mörslingen klärte das AELF Nördlingen-Wertingen über den Konflikt zwischen Tierwohl einerseits und Klima-, Umwelt-, Immissions- und Verbraucherschutz andererseits auf.

Innerorts kein neuer Maststall möglich

"Wie kann es gelingen, dass sich die landwirtschaftliche Nutztierhaltung noch mehr auf das Tierwohl ausrichtet?", eröffnete AELF-Chef Dr. Reinhard Bader das Pressegespräch auf dem Betrieb der Familie Senning. Dort halten Ernst Senning 200 Zuchtsauen und sein Sohn Sebastian 960 Mastschweine im geschlossenen System. Während die Ferkelerzeugung an der Hofstelle im Ortskern von Mörslingen stattfindet, wurde die Mastschweineproduktion im Jahr 2009 ausgesiedelt. Innerorts wäre es schon aus Gründen des Immissionsschutzes nicht möglich gewesen, die Zuchtsauenhaltung mit der Schweinemast zu verbinden.

Verbraucher kann entscheiden

"Damit ein Tierwohlstall wirtschaftlich betrieben werden kann und sich die hohe Investition auszahlt, benötigt der Landwirt Planungssicherheit über langfristige Abnahmeverträge", betonte Bader. Das hätten auch die Politik und der Lebensmitteleinzelhandel erkannt. Letzterer sprang vor zwei Jahren auf den Zug der Tierwohl-Label auf und führte dafür ein System mit vier Haltungsformstufen ein. Seither kann sich der Verbraucher zwischen unterschiedlichen Stufen des Tierwohls entscheiden, indem er einen Mehrpreis entrichtet. Damit trage die Gesellschaft, so Bader, eine Mitverantwortung für den Fortschritt in Sachen Tierwohl.

Tierwohl kostet Geld

Der Politik und dem Handel sei schnell klargeworden, dass für ein Mehr an Tierwohl auf den bäuerlichen Betrieben entsprechende Investitionen erforderlich sind. Deshalb hat die bayerische Staatsregierung im Juni 2021 das Programm Tierwohl (BayProTier) aufgelegt. Zunächst liegt der Fokus des Programms auf der Zuchtsauenhaltung und Ferkelproduktion. "Wenn die Gesellschaft mehr Tierwohl fordert, dann ist es eine Aufgabe der Landwirtschaft, diesen Markt zu bedienen", stellt der Amtschef fest. Eine zunehmende Zahl an Verbrauchern will den Fleischgenuss auch mit einem guten Gewissen verknüpfen: "Dem Tier, das ich esse, ist es vorher gut gegangen."

PigPort-Stall für mehr Tierwohl

Bevor Sebastian Senning seine Schweinemast aussiedelte, wurden auf der Hofstelle im Ort Jungsauen für Ferkelerzeuger vermehrt. Als dieses Geschäft immer weniger rentabel wurde, suchte die Familie nach einer Alternative und fand sie im "PigPort 3-System", das nicht nur durch seinen Auslauf den Schweinen mehr Tierwohl bringt, sondern über die freie Lüftung auch eine deutliche Einsparung an Energie. Spätestens seit der Coronapandemie ist Sebastian Senning froh, dass er für seine Tierwohl-Schweine feste Abnahmeverträge mit garantierten Mindestpreisen hat.

Schweine in Haltungsformstufe 3

Die Ferkel für die Mast stammen ausschließlich aus der Zuchtsauenhaltung der Familie, die Schlachtschweine werden über Kaufland unter der Eigenmarke "Wertschätze" und unter Teilnahme an der Initiative Tierwohl mit der Haltungsformstufe 3 vermarktet. Das bedeutet für die Tiere 40 % mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, gentechnikfreie Fütterung, Auslauf ins Freie, Grascobs und Stroh als natürliches Beschäftigungsmaterial, freie Lüftung, eine isolierte feste Liegefläche, Befunddatenerfassung am Schlachthof und ein qualifiziertes Antibiotikamonitoring. Außerdem mindert Senning die Immissionen aus seiner Schweinemast durch eine stickstoff- und phosphatreduzierte Fütterung.

In Schwaben nur 0,4 % Bio-Schweine

Damit gehört Senning zu den 8 % der schwäbischen Schweinemäster, die ihre Tiere in der Stufe 3 halten, erklärte Bernhard Linder vom Sachgebiet Nutztierhaltung am AELF Nördlingen-Wertingen.

  • 53 % der Mastschweine werden dagegen noch in der Stufe 1 gehalten, die lediglich den gesetzlichen Mindestanforderungen entspricht.
  • In der Haltungsformstufe 2 mit einem erhöhten Platzangebot befinden sich immerhin schon 39 % der schwäbischen Mastschweine.
  • 0,4 % werden nach ökologischen Richtlinien gehalten.
Höhere Haltungsformstufen auf dem Vormarsch

"Die Zunahme der höheren Haltungsformstufen macht den Weg zur mehr Tierwohl sichtbar", betonte Linder. Das geschehe derzeit vor allem noch in den Stufen 1 und 2, wo nur geringe oder gar keine baulichen Veränderungen erforderlich sind. Aufgrund der schwierigen Erlössituation und der hohen Betriebsmittelkosten seien Investitionen in Um- und Neubauten schwer zu realisieren. Das zeige der Rückgang des Mastschweinebestands um 10 % und des Zuchtsauenbestands um 12 % in Schwaben allein innerhalb der vergangenen zwölf Monate.

TA Luft als Hindernis

Immerhin: Aktuell übersteigt die Nachfrage nach Schweinen aus der Haltungsformstufe 3 das Angebot. Wer auf diesen Zug aufspringen will, muss jedoch nicht nur Geld in die Hand nehmen, sondern auch ein baurechtliches Verfahren hinter sich bringen und den neuen gesetzlichen Vorgaben zum Immissionsschutz Genüge tun. So fordert die Technische Anleitung (TA) Luft eine Reduzierung der Ammoniakemissionen um ein Drittel. Durfte der Betrieb Senning beim Bau des PigPort-Stalls vor 14 Jahren mit seinen 960 Mastschweinen noch bis zu 202 m an einen Wald oder ein schützenswertes Ökosystem heranrücken, so beliefe sich der Mindestabstand jetzt auf 374 m. Die verschärften Bestimmungen gelten Linder zufolge auch dann, wenn Senning bei gleicher Schweineanzahl mehr Platz schaffen wollte, um beispielsweise Bio-Schweine halten zu können.

Mehr Tierwohl – mehr Emissionen

Bei ihrer Forderung nach offenen Ställen mit Auslauf und am besten noch mit Stroheinstreu müsse die Bevölkerung bedenken, dass dieses Mehr an Tierwohl auch ein Mehr an Emissionen bedeutet. Unter den verschärften Auflagen der TA Luft werde es für die Landwirte also deutlich schwieriger, mehr Tierwohl umzusetzen, sagte Linder. Würden sie ihre Ställe nicht umbauen, sondern einfach die Tierzahl abstocken, um den erhöhten Platzanforderungen zu genügen, könnten sie nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Außerdem stelle der erhöhte Arbeitsaufwand in den Tierwohl-Ställen viele Betriebe vor große Herausforderungen.

Zersiedlung statt Auslauf?
Auch der stellvertretende Kreisobmann des Dillinger Bauernverbands Michael Eberle kann ein Lied vom Immissionsschutz singen. Er hält seine 80 Milchkühe in einem 20 Jahre alten Laufstall und das Jungvieh im 42 Jahre alten Anbindestall auf der Hofstelle im Ortskern von Mörslingen. Die Stallgebäude sind ringsum von einer Wiese umgeben, auf der sich ein Auslauf für die Rinder leicht umsetzen ließe – wenn dies nicht der Immissionsschutz verhindern würde. An die Wiese schließen sich nämlich Wohnhäuser an. Da sich die Emissionen durch einen Auslauf erhöhen würden, hat Eberle keine Chance, ihn zu realisieren. Jetzt denkt er daran, ein Vielfaches der dafür notwendigen Investitionen in die Aussiedlung des Milchviehstalls zu setzen. Das trüge dann aber wiederum zur von der Gesellschaft abgelehnten Zersiedelung der Landschaft bei.
So viel Tierwohl wie möglich

Den Laufstall verlängern, um das Jungvieh aus der Anbindehaltung zu befreien, kann Eberle nicht. Auch das lässt der Immissionsschutz nicht zu. Dennoch tut der Landwirt auf seiner Hofstelle für das Tierwohl, so viel er kann: gentechnikfreie Fütterung, Liegeboxen mit Stroheinstreu für die Milchkühe, Komfortgummimatten für das Jungvieh und elektrische Kuhbürsten. Falls Eberle tatsächlich aussiedelt, will er an einem Tierwohl-Programm teilnehmen.

Anbindehaltung vor dem Aus

Für Bader ist der Betrieb Eberle ein klassisches Beispiel für die Schwierigkeiten, vor denen Landwirte stehen, die ihren Tieren mehr Tierwohl zukommen lassen möchten. Zugleich wenden sich die Molkereien tendenziell immer mehr von der Milch aus der Anbindehaltung ab. Für Landwirte, die sich die hohen Investitionen in einen Laufstall nicht leisten können, bedeutet das auf absehbare Zeit das Ende der Milchproduktion.

Zahl der Milchkühe verringert sich

Bis noch vor wenigen Jahren haben im Landkreis Dillingen die wachsenden Betriebe die Milchkühe der aufgebenden Betriebe aufgenommen, erklärte Friedrich Wiedenmann, Leiter der Abteilung Bildung und Beratung und des Sachgebiets Nutztierhaltung am AELF Nördlingen-Wertingen. Das finde jetzt jedoch nicht mehr statt, so dass sich die Zahl der Milchkühe stetig verringert. Die verbliebenen Anbindehalter fragten nach Alternativen wie Auslauf und Weidehaltung, um in eine höhere Haltungsformstufe zu gelangen. Das scheitere aber in den allermeisten Fällen am Immissionsschutz. "Deshalb läuft die Beratungsinitiative der bayerischen Landwirtschaftsverwaltung für Anbindehalter ein Stück weit ins Leere."

Tierwohl ist mehr als Platz und Auslauf

Zum Tierwohl gehörten mehr als nur viel Platz und ein Auslauf, sagte Wiedenmann. Dabei gehe es nämlich auch um die Fütterung und die Tierbetreuung. "Bei der Fütterung hat sich in der Tierhaltung viel bewegt. Dafür sprechen schon die gestiegenen Leistungen der Tiere, die ohne ein höheres Maß an Tierwohl so nicht stattgefunden hätten. Wenn wir bei der bedarfsgerechten humanen Ernährung so gut unterwegs wären wie bei der tierischen Fütterung, dann hätte unsere Gesellschaft einige Probleme weniger." Auch die Züchtung bewege sich immer weiter in Richtung Tierwohl. So werde beim Fleckvieh die Bewertung der Fitness, also der Gesundheit und Robustheit, immer wichtiger.